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Donnerstag, 3. Mai 2012

Der Halbkaktus

In meinem Blumenfenster steht ein sperriger, unansehnlicher Halbkaktus. Er stand eines Tages einfach dort, und ich weiß nicht, welcher Freund ihn hinstellte, um seiner ledig zu werden.
Der Halbkaktus kommt mit sieben langen Stielen aus der Topferde, und jeder Stiel hat an seinem Ende einen Quirl aus fleischigen Blättern. Vier der Stiele stehn senkrecht, zwei halb aufrecht, einer liegt horizontal.
All das würde sich nicht zu berichten lohnen, wenn ich nicht eines Tages wahrgenommen hätte, dass der liegende Stengel, im blinden Vertraun, auf der Erde zu liegen, Wurzeln getrieben hätte. Er wähnte sich "angekommen" und versuchte einzuwachsen. Sein Pflanzeninstinkt arbeitete mechanisch. Waagerecht bedeutete für ihn - Erde. Da er aber in eine zivilisierte Umgebung versetzt worden war, bedeutete waagerecht nicht mehr Erde, sondern Fensterbrett, aber mir wurden durch diesen Irrtum eines abgeschobenen Halbkaktus die Fäden sichtbar, durch die alle Lebewesen mit der Erde verbunden sind.

Erwin Strittmatter - Schulzenhofer Kramkalender

Donnerstag, 10. November 2011

Ich bin ein Zombie, und ich lerne wie eine Maschine

Es ist etwas Wahres daran: In den Siebzigern nahm man LSD, um dem Muff der Nachkriegszeit zu entkommen. In den Achtzigern nahm man Kokain, um sich trotz Pershing-II-Raketen gut zu fühlen. In den Neunzigern nahm man freitags Ecstasy-Pillen, um bis montags zu tanzen. Es waren Spaßdrogen, mit denen die Jugend gegen die Erwartungen der Gesellschaft rebellierte. Heute nehmen Studenten Ritalin, weil es ihnen hilft, sich den Erwartungen der Gesellschaft anzupassen. Sie sind die erste Generation, die eine Vernunftdroge konsumiert. Eine traurige Droge, ein Armutszeugnis. Einerseits.